Presseartikel 2023

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Erstfund im Saarland – Physarum daamsii

Die Schleimpilze oder botanisch Myxomyceten sind eine winzige Gruppe von Organismen, die meist im Verborgenen lebt, beim Reifeprozess aber mitunter außergewöhnliche Erscheinungsformen annehmen kann. Die leuchtend roten Kugeln des Blutmilchpilzes oder die ausgeprägten gelben Fruchtkörper der Gelben Lohblüte fallen auch dem Pilzsammler oder Spaziergänger auf. Die meisten Schleimpilze sind jedoch nur mittels Lupe erkennbar. Die sehr winzigen, für das Auge nicht erkennbaren Fruchtkörper (Sporocarpien) werden in der Natur oft nur durch Zufall entdeckt.

Der größte Teil des Schleimpilzlebens spielt sich unsichtbar im Boden, in Totholz, auf Laubstreu, auf verfaulenden Pflanzenresten, aber manchmal auch auf lebenden Pflanzen ab. Hauptsache es ist verrottendes organisches Material vorhanden. Anders als Pilze zersetzen Myxomyceten das Substrat nicht, auf dem sie wachsen, sondern ernähren sich von Bakterien und Algen, die darin enthalten sind. Schleimpilze entwickeln sich aus Sporen, in denen sich der Zellkern tausend- bis millionenfach teilt. Die Zellmembran wächst mit, sodass sie immer einzellig bleiben, bis zur Reife, wo aus den Zellkernen wieder neue Sporen entstehen.

Nun ist im Saarland ein „Neuer“ aufgetreten. Seit etwas über 60 Jahren ist er erst bekannt, obwohl er und seine Verwandten schon 700 Millionen Jahre auf der Erde leben - der Schleimpilz „Physarum daamsii“.  Erstbeschreiberin war die bekannte holländische Botanikerin und Mykologin Nannenga-Bremekamp (1916-1996). Sie fand diese Spezies erstmals 1958 in den Niederlanden, westlich von Arnheim. Aber auch nach diesem Erstfund hat sich der Myxomycet bis heute in Europa rar gemacht.

Die Art ist sehr selten, sodass auch in der Roten Liste von 2011 mangels existierender Daten keine Aussage getroffen werden konnte. Das „virtuelle Herbarium Meise“ nennt seit dem Erstfund von 1958 sieben Aufsammlungen aus Finnland, den Niederlanden, Belgien und Frankreich. In der „Botanischen Staatssammlung in München“ wurden zwischen 1985 und 2002 acht Funde aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Spanien verzeichnet. Außerdem wurde die Art von Wolfgang Nowotny in Oberitalien entdeckt. Neuere Funde sind gewiss vorhanden; aber in der untersuchten Literatur nicht erwähnt.

Nun ist Physarum daamsii überraschend im Herbst 2022 im Saarland erschienen. Ein Telefonat erreichte mich aus Kleinottweiler. Auf einer naturbelassenen Wiesenfläche in einem Hausgarten zeigten sich an Grashalmen, Blättern von Löwenzahn und Habichtskraut kleine weiße Perlen von weniger als einem Millimeter (Abb. 1) - die beginnenden Fruktifikationen eines Schleimpilzes. In dieser Phase kamen noch zahlreiche sich ähnelnde Arten in Frage, allerdings, die Gattung Physarum konnte ich bereits eingrenzen. Es dauerte nur eine Nacht, dann waren die weißen Perlen trocken und hellgrau geworden (Abb. 2) und konnten nun einer Bestimmung zugeführt werden. Farbe, Außenhaut, Kalkeinlagerungen sowie Sporen und deren Oberflächenstruktur - alles im Mikrometerbereich - musste ich mikroskopisch überprüfen (Abb. 3). Schließlich waren noch zwei Arten übrig: „Physarum confertum“ oder „Physarum daamsii“. Für diese Unterscheidung braucht es viel Erfahrung, und so habe ich zwei international renommierte Spezialisten einbezogen, Wolfgang Nowotny aus Österreich und Andreas Kuhnt aus Deutschland. Beide legten sich nach eingehender Untersuchung auf „Physarum daamsii“ fest.

Auf der besagten naturbelassenen Grasfläche stellten sich nun nach und nach immer weitere Fruktifikationen dieser seltenen Art ein. Einige Tage lang konnte der pilzerfahrene Gartenbesitzer immer wieder Stellen im Gras ausmachen, die von diesem Myxomycet besiedelt waren und dort reiften. Mit einem solchen Massenvorkommen ist Physarum daamsii wohl noch nie in Erscheinung getreten. Nun reiht sich auch diese Spezies in die fast 100 von 300 in Deutschland vorkommenden Arten (Schnittler et al. 2011) ein, die ich seit 2012 im Saarland entdeckt und katalogisiert habe.

Text und Bilder: Marion Geib, NABU Altstadt

Kollisionen von Vögeln mit Glasscheiben

Neue Broschüre zum vogelfreundlichen Bauen zeigt Lösungen auf

Stuttgart – Mindestens 100 Millionen Vögel sterben geschätzt in Deutschland jedes Jahr, weil sie mit Glasflächen kollidieren: Vögel erkennen transparente Glasscheiben nicht als Hindernis. Und stark spiegelnde Fronten reflektieren Bäume, Büsche oder den Himmel, so dass sie wie ein realer Lebensraum wirken. „Welche Gefahren Glasscheiben für die Vogelwelt darstellen können, ist in der Architektur- und Baubranche oftmals noch zu wenig bekannt“, stellt der Ornithologe Stefan Bosch vom NABU Baden-Württemberg fest. Für Abhilfe soll eine neue Broschüre sorgen, die die Schweizerische Vogelwarte zusammen mit dem NABU und anderen Verbänden veröffentlicht hat. Sie zeigt typische Gefahrensituationen und präsentiert Lösungen, wie man Glas vogelfreundlich einsetzen kann.

Zu viel Durchblick als Problem

Nicht jede Scheibe ist gleichermaßen problematisch. Besonders gefährlich für Vögel sind etwa stark spiegelnde Scheiben, transparente Balkon- und Eckverglasungen, gläserne Lärmschutzwände, Wintergärten oder Wartehäuschen. „Gläserne Buswartehäuschen stehen oft mitten in der Landschaft, mit Bäumen und Büschen drum herum. Sind die Scheiben nicht kenntlich gemacht, haben Vögel die volle Durchsicht. Dann ist das Risiko besonders groß, dass sie mit hoher Geschwindigkeit hindurchfliegen wollen“, erläutert Bosch.

Glas sichtbar machen

Dabei könne man gut gegensteuern: „In einem erfolgreichen Projekt haben wir zusammen mit der Gemeinde Oberderdingen im Kraichgau alle neun Buswartehäuschen mit Folien nachgerüstet. So kann das Problem nachträglich vogelfreundlich gelöst werden“, sagt Bosch. Um der Kollisionsgefahr entgegenzuwirken sei es wichtig, das Glas mittels geprüfter Vogelschutzmarkierungen sichtbar zu machen. „Auf Markierungen im UV-Bereich und die bekannten Greifvogelsilhouetten sollte man hingegen verzichten“, berichtet Caroline Wittor, NABU-Expertin für Artenschutz am Gebäude. „Sie schrecken Vögel nicht ab und wirken daher kaum.“

Vogelschutzmarkierungen anbringen, Beleuchtung reduzieren

Nur eine flächige Markierung, die von außen aufgebracht wird und sich möglichst von der Umgebung abhebt, bringt den nötigen Schutz. Lösungen mit Streifen und Punktraster haben sich dabei in Versuchen und in der Praxis als besonders effektiv erwiesen. Auch individuelle kreative Lösungen können wirken: „Die Fensterfronten des NABU-Bodenseezentrums etwa wurden mit einem individuell angefertigten Schilfmuster verziert, das zur Region passt und Vögel wirkungsvoll vor einem Aufprall schützt“, erklärt Wittor. Auch Innenräume weniger zu beleuchten hilft, da Vögel vom Licht angezogen werden. Dies spart auch Energie und schont den Geldbeutel.

Die neue Vogelschutz-Broschüre zeigt auch auf, wie man bei einem Neubau so weit wie möglich auf transparentes Glas verzichten kann und wie sich bereits bei der Planung für Vögel gefährliche Stellen entschärfen lassen. So können Zeit und Folgekosten für Nachrüstungen eingespart und gleichzeitig viele Vögel vor dem Tod und schweren Verletzungen bewahrt werden.

Erste Hilfe für Kollisionsopfer

„Manche Vögel sind nach leichten Kollisionen mit Glasscheiben zunächst verletzt oder benommen und werden später zu leichter Beute für Fressfeinde wie Füchse oder Katzen“, so Vogelfachmann Bosch. Er rät: „Wer in Scheibennähe einen flugunfähigen Vogel findet, legt ihn am besten in eine mit Haushaltspapier ausgekleidete und mit Luftlöchern versehene Schachtel. Diese stellt man an einen warmen, dunklen und ruhigen Ort. Den Vogel sollte man jedoch nicht füttern oder mit Wasser versorgen. Nach zwei bis drei Stunden kann man die Schachtel im Freien öffnen, so dass der Vogel wegfliegen kann. Tut er das nicht, sollte man Kontakt mit einer Vogelpflegestation aufnehmen.“

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